|
Ricarda stimmte
Daniels Idee begeistert zu. Sie bat ihn, die Einzelheiten am kommenden Tag mit
den Projektleitern durch zu besprechen und für die klaglose Organisation zu
sorgen. Sie selbst wollte mit Dr. Levivre ein ausführliches Gespräch führen,
denn er schien sehr viel über die geheimnisvolle ABADDON-Strahlung zu wissen.
Ricarda lechzte nach Informationen um das Bild, das sie sich gemacht hatte, zu
vervollständigen.
Trotz des
angeregten Gespräches fühlte Ricarda die Müdigkeit, die ihr in den Knochen saß.
Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.
"Wir sollten
für heute Schluss machen. Es war ein wirklich anstrengender Tag!" meinte
Daniel fürsorglich. Er küsste sie zärtlich auf die Wange und ging - wie er
sagte, um sich noch ein wenig umzusehen. Ricarda stellte sich unter die Heißluftdusche.
Der prickelnde heiße Luftstrom entspannte wohltuend ihre verkrampften Muskeln.
Sie fühlte sich wohlig warm als sie unter die Thermodecke schlüpfte. Fast
augenblicklich schlief sie ein.
Um sie war ein
eigenartiges Schimmern, das durch zarte Lichtblitze in allen Farben des
Spektrums erhellt wurde. Sie sah sich um. Vom Boden bis zur Decke des Raumes in
dem sie sich befand stapelten sich Hunderte von großen Kristallen, die in allen
Farben funkelten. Die untersten Reihen dieser anscheinend belebten Kristalle
waren matt, einige davon schienen dunkel und farblos. Ricarda blickte zur Decke
hinauf. Diese war, wie auch der Boden auf dem sie stand, blauschimmerndes Eis.
Doch sie fühlte keine Kälte. Langsam drehte sie sich im Kreis und blickte
bewundern - aber verständnislos - auf die funkelnde Pracht.
<Ich heiße
dich willkommen in der Höhle, in die sich die Letzten meiner Rasse zurückgezogen
haben um sich den Kristallen anzuvertrauen, damit das Wissen nicht verloren
ging!>
Ricarda sah sich
um, suchte nach dem Ursprung der weichen, dunklen, etwas singenden Stimme. Doch
sie war alleine. Weder ein Translator, ein Mikrophon oder etwas ähnliches war
zu entdecken.
Du kannst mich
nicht sehen. Noch nicht. Ich bin Energie. Ich bin jenes Etwas, von dem deine
Mutter zu dir sprach. Ich bin die Energie, die bis zu diesem Augenblick tief in
dir gewartet hat. Ich bin es, die den Traum aufbewahrt hat bis jene ihn träumt,
die ihr verwirklichen kann.
Ricarda lauschte
lächelnd der geheimnisvollen Stimme. Sie hatte diesen Traum erwartet und sie fürchtete
ihn nicht. Er würde vieles klären, würde ihr endlich die Möglichkeit geben,
besser zu verstehen. Sie war bereit dazu.
Ich habe dich
erwartet! dachte sie. Ich will diesen Traum erleben!
<Du träumst
ihn schon! Ich kann dir diese Höhle nur im Traum zeigen, denn dein Körper würde
weder die Kälte noch den Druck, den meine Vorfahren hier erzeugt haben,
ertragen. Der menschliche Körper benötigt einen gewissen Druck um zu existieren.
In dem minimalen Druck, der in dieser Höhle herrscht, würdest du explodieren.
Wir haben sehr unter dem für uns viel zu starken Druck auf der Erde gelitten
und einen Großteil unserer Kraft einsetzten müssen um ihn auszugleichen. Viele
von uns starben als sie versuchten, sich anzupassen. Dein Leben darf nicht in
Gefahr gebracht werden. Daher habe ich den Traum gewählt um dir zu zeigen, was
du erfahren musst.>
Ricarda begann zu
verstehen. Sie fühlte sich gut und die Schwerelosigkeit, die sie träumte,
machte sie frei und entspannt. Als das Energiewesen wieder zu sprechen begann
war ihr, als würde sie lebende Bilder betrachten.
<Deine Mutter
hat ein altes Buch für dich aufbewahrt. Du hast bereits einiges darüber gehört.
Du wirst mich besser kennen, wenn du dieses Buch gelesen hast. Dann wirst du
auch vieles, das ich dir jetzt zeige, besser verstehen. Du träumst nicht ganz
denselben Traum, den deine Vorgängerinnen träumten. Denn du lebst in einer
Zeit und einer Welt, die dich größere Dimensionen verstehen lässt. Du wirst
daher mehr erfahren. Auch mehr als deine Mutter, die alles vorbereitet hat,
damit die Menschheit die ersten Schritte über die Grenzen ihres Sonnensystems
hinaus tun kann. Aber du bist jene, die schon jetzt diese Grenzen überschreiten
kann. Ich werde dir helfen. Ich werde mit dir über diese Grenze gehen, denn nur
von dort aus kann ich erfahren, ob das Geschlecht der Wächter noch existiert.
Wenn auch nur noch einer von ihnen lebt, dann muss ich ihm darüber berichten,
dass die Menschheit den ersten Schritt in den Weltraum tut und sich auf die
Suche nach dem Strahlenmodulator begibt. Dann wird er euch nicht hindern. Und
ich habe meine Aufgabe erfüllt und kann mich in die Große Energie zurückziehen.
Du siehst, ich
brauche dich und du brauchst mich. Ich habe lange auf dich gewartet. Ich werde
dir helfen jene Gefahr zu finden und zu bekämpfen, die deine Mutter die
ABADDON-Strahlen nannte. Wir werden den Strahlenmodulator, der ihr Ursprung ist,
finden und bekämpfen. Doch darüber will ich später berichten. Jetzt träume!>
Richarda sah
Sterne in rasender Geschwindigkeit auf sich zustürzen. Sie sah sich selbst als
Lichtpfeil, der durch die Schwärze des Alls stürmte. War sie alleine? War sie
auf einem unbekannten Sternenschiff? Sie wusste es nicht und sie fragte auch
nicht danach. Ihr Blick war auf eine schwach in der Ferne leuchtende Nebelwolke
gerichtet, die in rasender Schnelligkeit näher kam. Sie wusste, das war das
Ziel.
<Ja, das war
einmal die Heimat meiner Rasse. Ein gewaltiger Planet, auf dem sich im Laufe von
Millionen von Jahren die Rasse meiner Ahnen bis zur höchst möglichen
Lebensform entwickelte. Aus der primitiven Amöbe, einem Einzeller, wuchs das
Leben bis zur Superintelligenz, die zum Wächter des Universums wurde. Viele
Welten standen unter ihrem Schutz. Am Höhepunkt dieser Entwicklung gab es Tausende von Jahren keinen Krieg. Friede und Weiterentwicklung waren auf allen
Planeten eine Selbstverständlichkeit. Rassen der verschiedensten Arten lebten
ohne Streit nebeneinander. Ein gewaltiges Imperium, dessen positive Energien überwiegten,
existierte. Negative Energien wurden richtig eingeflochten und zu positiven
Zwecken genutzt. Das Gleichgewicht wurde nicht gestört.
Doch meine Rasse
wurde zu selbstsicher und zu unaufmerksam. Nichts schien sie in ihrer positiven
Mächtigkeit stören zu können. Obwohl sie wusste, dass jeder Höhepunkt einmal
überschritten wird dachte sie nicht daran, dass es auch bei ihr so sein würde.
Sie war klug und stark. Sie war Energie und schien unverletzlich. Sie achtete
nicht mehr darauf, was außerhalb der Grenzen des Imperiums geschah. Und die
schlug die Warnungen der Wächter in den Wind. Sie beachtete die vielen kleinen
Anzeichen der Gefahr nicht. Und so wurde sie vom Angriff der "Dunklen
Rasse" überrascht.
|