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Das ferne Läuten eines Telefons weckte sie. Irgendwo in dem großen Zelt mit den vielen Abteilen schien Liam-Onta zu telefonieren. Dieser Gedanken wirkte unangenehm auf Karen. So als wäre die Isolation dieser zauberhaften Felsoase dadurch gestört. Etwas ärgerlich erhob sich Karen, ging ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Das kühle Wasser war erfrischend. Ihr Kopf wurde klar und sie begann sich wohl zufühlen. Sie merke, dass sich ihre Neugierde auf das, was sie erwartete, immer mehr steigerte. Lange bürstete sie ihre Haare und steckte sie dann zu einem Knoten fest. In den Bademantel gehüllt ging sie zurück in den Hauptraum des Zeltes und ließ sich auf einem der weichen Teppiche nieder. Rasch versank sie in eine tiefe Meditation. Als sie sich aus dem Schwingen ihres Selbst wieder befreite fühlte sie sich stark und bereit für die Ereignisse dieser Nacht.

Sie stand auf und ging zu der Truhe, die eine eigenartige Kraft auszustrahlen schien. Nur zögernd hob sie den Deckel. Eine Wolke herbsüßen Duftes nach Weihrauch und Kräutern stieg hoch. Karen fühlte sich von diesem berauschenden Duft umfangen. Unwillkürlich schloss sie die Augen und atmete tief. Sekundenlang stand sie bewegungslos. Dann beugte sie sich vor und nahm mit immer noch geschlossenen Augen das erste Kleidungsstück, das ihre Finger berührten vorsichtig hoch. Sie wusste genau, dass es die Djellaba war, die sie in der vergangenen Nacht getragen hatte.

Karen öffnete die Augen und trug das blau-goldene Gewand zum Diwan, wo sie es vorsichtig ausbreitete. Dann ging sie zur Truhe zurück und blickte hinein. Da lag ein zartes, goldschimmerndes schleierartiges Tuch und ein schmaler Reif mit einem wunderschönen, perlengeschmückten Stirnteil. Wissend, dass das der Schmuck war, den sie tragen würde, nahm sie die Gegenstände aus der Truhe. Leise und vorsichtig schloss sie den schweren Deckel.

Der zarte Duft erfüllte den Raum und gab Karen das Gefühl eine nahezu heilige Handlung zu vollführen, als sie mit ruhigen Bewegungen in die Djellaba schlüpfte. Ihr Blick fiel auf ein großen, mattsilbrig glänzenden Spiegel, der in der Nische neben der alten Truhe stand. Sie war sich nicht sicher ob er am Vortag auch schon dort gestanden hatte. Doch ohne zu zögern ergriff sie Schleier und Stirnreif und trat vor den Spiegel. Ihre Hände schienen zu wissen war zu tun war. Sie legte den Schleier um, als hätte sie es schon oft getan. Mit einer sicheren Bewegung schob sie das zarte Gewebe ineinander, sodass ihr Gesicht unbedeckt blieb. Dann betrachtete sie den Stirnreif. Die Perlen waren an einem filigranen Gitter aus Golddraht befestigt, das wie ein breites Stirnband geformt war. Karen hob den Reif und setzte ihn vorsichtig über den Schleier. Das perlengeschmückte Goldgewebe legte sich wie eine zarte, kühle Maske an Stirn und Schläfen.

Mein Gott! Bin ich das? dachte sie, als sie ihr Spiegelbild betrachtete.

Sie erblickte eine hohe, schmale, fremdartig wirkende Gestalt, blaugolden schimmernd, deren Kopf wie eine alte Inkamaske aussah. In dem von Gold und Perlen umgebenen Gesicht leuchteten grünblaue Augen flammend.

Das ist nicht möglich! Ich kann nicht so aussehen! Eine Djellaba und ein Diadem können mich nicht so verändern!

Karens Gedanken rasten. Sie fühlte, wie langsam Panik in ihr erwachte.

"Was geschieht mit mir?" fragte sie und lauschte auf den Klang ihrer Stimme. Selbst diese schien sich verändert zu haben. Sie war weicher, tiefer, fremder. Noch einmal fragte sie: "Was geschieht mit mir?"

Von irgendwoher erklang Liam-Ontas Stimme.

"Das, was geschehen muss!"

"Was muss geschehen?"

"Die Tochter der Sonne beginnt sich zu erkennen!"

Verwirrt und suchend sah Karen sich um. Liam-Onta stand im Hintergrund des Raumes und verneigte sich tief. Sie hielt die Arme über der Brust gekreuzt. Auch sie war mit einer Djellaba bekleidet und trug einen Schleier. Aber keinen Stirnreif. Unwahrscheinliche Ruhe und Sicherheit strömte von ihr aus. Sie wirkte völlig verändert. Beeindruckt erwiderte Karen ihren Gruß ebenfalls mit einer Verneigung.

"Komm!" sagte die junge Tuareg mit leiser Stimme, "Komm, ich werde dich zum Hierophanten führen. Er erwartet dich, Tochter der Sonne!"

Sie hielt den schweren Teppich am Zelteingang zur Seite und Karen trat hinaus in die Dunkelheit. Nur wenige Fackeln beleuchteten den Platz. Doch vor den Zelten wiederum standen die Tuareg. Sie verneigten sich ehrfürchtig, als Karen neben Liam-Onta an ihnen vorbeischritt und langsam auf die Felsentreppe zuging.

Als sie den Fuß der Treppe erreichten blieb Karen stehen. Sie sah Liam-Onta in die Augen.

"Ich werde alleine gehen, Schwester! Es ist mein Weg!"

Die Tuareg trat einen Schritt zurück, kreuzte die Arme über der Brust und verneigte sich.

"Es ist deine Nacht, Schwester! Ich werde auf dich warten!"

Alles war gesagt. Karen wandte sich der Treppe zu und begann langsam hochzusteigen. Sie wusste, dass sich ihr Leben völlig verändern würde. Eine Andere würde diese Treppe wieder hinuntergehen.

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