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Vor 2400 Jahren
Was wir heute über Atlantis
wissen ist eher eine vage Erinnerung an etwas, das vielleicht doch geschehen
ist. Oder die Vision von Sehern und der Bericht, den einer der berühmtesten
Philosophen der Geschichte niedergeschrieben hat. Die Aufzeichnungen Platons
(427-347 v.Ch.) sind – kritisch gesehen – zwar nicht beweisbar, aber doch
anscheinend sehr fundamentiert und sie weisen weit in die Vergangenheit
zurück. Schrieb er doch vor rund 2400 Jahren über das Inselreich Atlantis,
das damals schon längst in den Tiefen des Ozeans und der Vergangenheit
versunken war. Denn Platon berichtet über den Untergang des Inselreiches, der
– von seiner Zeit aus gesehen – vor 12.000 Jahren stattgefunden haben
soll. Also von unserer Zeit aus vor ca. 15.000
Jahren.
Aber Platon
ist nicht der Urheber des sagenhaften Berichtes, den er in den Kritias- und
Timaios-Dialogen festgehalten hat. Er gibt ein Gespräch zwischen Sokrates,
Hermokrates, Kritias, dem Jüngeren und Timaios wieder, das diese zu Ehren der
thrakischen Mondgöttin Bendis führten.
Diese klugen Männer diskutierten
über Informationen, die der attische Gelehrte und Staatsmann Solon (639-559
v.Ch.) von einer in den Jahren 571-561 v.Ch. durchgeführten Reise nach
Ägypten mitbrachte. Solon war – so berichtet Kritias – ein Verwandter und
Freund seines Urgroßvaters Dropides und erzählte diesem, was er von Sonchis,
dem Priester und Tempelschreiber in Saiis, der damaligen Hauptstadt von
Niederägypten, erfahren hatte. Dropides wiederum erzählte seinem Sohn
Kritias, dem Älteren, was er von Solon ihm erzählte und dieser gab den
Bericht bei einem Dichterfest – dem „Knabentag der Apaturien“ an seine
Zuhörer, zu denen auch sein Enkel Kritias (der Jüngere) gehörte, weiter.
Platon
schrieb die sich ergebenden Dialoge nieder und fügte sie später seiner
Staatskunde „Politeia“ bei, onwohl seine Aufzeichnungen plötzlich und
erkennbar unfertig enden. Da diese Texte das Fundament jeder Arbeit bzw.
Forschung über Atlantis bilden ist es nötig, trotz ihrer Länge doch alle
jene Teile anzuführen, in denen Kritias über Atlantis berichtet.
Die Kritias- und Timaios-Dialoge
Kritias:
,,Vor allem nun wollen wir uns zunächst ins Gedächtnis zurückrufen,
dass es im Ganzen neuntausend Jahre her sind, seitdem, wie angegeben
worden, der Krieg zwischen denen, welche jenseits der Säulen des
Herakles und allen denen, welche innerhalb derselben wohnten, entstand,
welchen ich jetzt vollständig zu erzählen habe. Nun wurde schon angeführt,
dass an der Spitze der Letzteren unsere Stadt stand und den ganzen Krieg
zu Ende führte, während über die Ersteren die Könige der Insel
Atlantis herrschten, welche, wie ich bemerkt habe, einst größer war
als Libyen und Asien, jetzt aber durch Erderschütterungen untergegangen
ist und dabei einen undurchdringlichen Schlamm zurückgelassen hat,
welcher sich denen, die in das jenseitige Meer hinausschiffen wollen,
als Hindernis ihres weitern Vordringens entgegenstellt. Ein Bild nun der
vielen ungriechischen Völker und sämtlicher Hellenenstämme, welche es
damals gab, wird der Verfolg unserer Erzählung im Einzelnen, wie es
gerade die Gelegenheit mit sich bringt, entrollen; die Verhältnisse der
alten Athener und ihrer Gegner, mit denen sie Krieg führten, das heißt
die Macht und Staateinrichtungen von Beiden, dagegen ist es nötig
sogleich vorauszuschicken. Unter ihnen selber aber verdient die
Schilderung der hiesigen Zustände den Vorrang.
Kritias:
,,Indessen muss ich meinen Bericht noch die Bemerkung unmittelbar
vorausschicken, dass ihr euch nicht etwa wundern möget, wenn ihr
ungriechischen griechische Namen geben hört, denn ihr sollt den Grund
davon erfahren. Da nämlich Solon ja diese Erzählung zu einem Ge-
dichte zu verwenden bezweckte, so forschte er nach der Bedeutung der
Namen, und da fand er nun, dass jene Ägypter, welche sie zuerst
aufgezeichnet, sie in ihre eigene Sprache übersetzt hatten, und so nahm
er seinerseits wieder den Sinn jedes Namens vor und schrieb ihn so
nieder, wie er, in unserer Sprache übertragen, lautete. Und diese
Aufzeichnungen befanden sich denn auch bei meinem Großvater, und ich
besitze sie noch, und sie sind von mir in meinen Knabenjahren sorgfältig
durchgelesen worden. Wenn ihr daher eben solche Namen hört, wie hier zu
Lande, so lasst euch das nicht Wunder nehmen, denn ihr wisst jetzt die
Ursache davon. Von der langen Erzählung lautete der Anfang nun damals
ungefähr folgendermaßen:
,,Wie schon im Obigen erzählt wurde, dass die Götter die ganze Erde
unter sich teils in größere, teils in kleinere Teile verteilt und sich
selber ihre Heiligtümer und Opferstätten gegründet hätten, so fiel
auch dem Poseidon die Insel Atlantis zu, und er verpflanzte seine Sprösslinge,
die er mit einem sterblichen Weibe erzeugt hatte, auf einen, Ort der
Insel von ungefähr folgender Beschaffenheit.
Ziemlich in der Mitte der ganzen Insel, jedoch so, dass sie an das Meer
stieß, lag eine Ebene, welche von allen Ebenen die schönste und von
ganz vorzüglicher Güte gewesen sein soll. Am Rande dieser Ebene aber
lag wiederum, und zwar etwa sechzig Stadien vom Meer entfernt, ein nach
allen Seiten niedriger Berg. Auf demselben nun wohnte einer von den
daselbst im Anfange aus der Erde ersprossenen Männer, namens Euenor,
zusamt seiner Gattin Leukippe, und sie hatten eine einzige Tochter,
Kleito, erzeugt. Als nun das Mädchen in das Alter der Mannbarkeit
gekommen war, starben ihr Mutter und Vater, Poseidon aber ward von Liebe
zu ihr ergriffen und verband sich mit ihr.
Er trennte auch den Hügel, auf welchen sie wohnte, rings herum durch
eine starke Umgehung ab, indem er mehrere kleinere und größere Ringe
abwechselnd von Wasser und von Erde um einander fügte, und zwar ihrer
zwei von Erde und drei von Wasser, und mitten aus der Insel gleichsam
herauszirkelte, so dass ein jeder in allen seinen Teilen gleichmäßig
von den anderen entfernt war; wodurch denn der Hügel für Menschen
unzugänglich ward, denn Schiffe und Schifffahrt gab es damals noch
nicht. Für seine Zwecke aber stattete er die in der Mitte liegende
Insel, wie es ihm als einem Gotte nicht schwer ward, mit allem Nötigen
aus, indem er zwei Wassersprudel, den einen warm den anderen kalt,
dergestalt, dass sie aus einer gemeinsamen Quelle flossen, aus der Erde
emporsteigen und mannigfache und reichliche Frucht aus ihr hervorgehen
ließ.
An männlicher Nachkommenschaft aber erzeugte er fünf Zwillingspaare
und zog sie auf, zerlegte sodann die ganze Insel Atlantis in zehn
Landgebiete und teilte von ihnen dem Erstgeborenen des ältesten Paares
den Wohnsitz seiner Mutter und das umliegende Gebiet, als das größte
und beste zu und bestellte ihn auch zum König über die anderen; aber
auch die machte er zu Herrschern, indem er einem jeden die Herrschaft über
viele Menschen und vieles Land verlieh. Auch legte er allen Namen bei,
und zwar dem Ältesten und Könige den, von welchen auch die ganze Insel
und das Meer, welches ja das atlantische heißt, ihre Benennungen
empfingen; nämlich Atlas ward dieser erste damals herrschende König
geheißen.
Dem nach ihm geborenen Zwillingsbruder ferner, welcher den äußersten
Teil der Insel, von den Säulen des Herakles bis zu der Gegend welche
jetzt die gadeirische heißt und von der damals so genannten Bezeichnung
empfangen hat, als seinen Anteil erhielt, gab er in der Landessprache
den Namen Gadeiros, welcher auf griechisch Eumelos lauten würde und
auch jene Benennung des Landes hervorrufen sollte.
Von dem zweiten Paare sodann nannte er den einen Ampheres und den
anderen Euämon, von dem dritten Erstgeborenen Mnaseas und den folgenden
Atochton, von dem vierten den ersten Elasippos und den zweiten Mestor,
von dem fünften endlich empfing der Frühergeborene den Namen Azaees
und der Letztgeborene den Namen Diaprepes.
Diese alle nun samt ihren Abkömmlingen wohnten hier viele Geschlechter
hindurch und beherrschten auch noch viele andere Inseln des Meeres, überdies
aber, wie schon vorhin bemerkt wurde, auch noch die hier innerhalb
Wohnenden bis nach Ägypten und Tyrrenien hin.“
Kritias:
,,Von Atlas nun stammte ein zahlreiches Geschlecht, welches auch in
seinen übrigen Gliedern hochgeehrt war, namentlich aber dadurch, dass
der jedesmalige König die königliche Gewalt immer den ältesten seiner
Söhne überlieferte, viele Geschlechter hindurch sich den Besitz dieser
Gewalt und damit eines Reichtums; von solcher Fülle bewahrte, wie er
wohl weder zuvor in irgend einem Königreiche bestanden hat, noch so
leicht künftig wieder bestehen wird, und war mit allem versehen, was in
der Stadt und im übrigen Lande herbeizuschaffen nötig war. Denn Vieles
ward diesen Königen von auswärtigen Ländern her in Folge ihrer
Herrschaft zugeführt, das Meiste aber bot die Insel selbst für die Bedürfnisse
des Lebens dar, zunächst alles, was durch den Bergbau Gediegen oder in
den schmelzbaren Erzen hervorgegraben wird, darunter auch die Gattung,
welche jetzt nur noch ein Name ist, damals aber mehr als dies war, nämlich
die des Goldkupfererzes, welches an vielen Stellen der Insel aus der
Erde gefördert und unter den damals lebenden Menschen nächst dem Golde
am höchsten geschätzt ward. Ferner brachte sie alles, was der Wald zu
den Arbeiten der Handwerker darbietet, in reichen Maße hervor und nährte
reichlich wilde und zahme Tiere.
Sogar die Gattung der Elephanten war auf ihr sehr zahlreich, denn
nicht bloß die übrigen Tiere insgesamt, welche in Sümpfen, Teichen
und Flüssen, so wie die, welche auf den Bergen und welche in den Ebenen
lebten, war reichlich Futter vorhanden, sondern in gleichen Maße für
diese Tiergattung, welche die größte und gefräßigste von allen
ist.
Was überdem die Erde jetzt nur irgend an Wohlgerüchen nährt, sei es
von Wurzeln oder Gras oder Hölzern oder hervorquellenden Säften oder
Blumen oder Früchten, das alles trug und hegte die Insel vielfältig,
nicht minder die milde Frucht und die trockene, deren wir zur Nahrung
bedürfen, und alle, deren wir uns sonst zur Speise bedienen und deren
Art wir mit dem Namen der Gemüse bezeichnen, ferner die, welche
baumartig wächst und Trank und Speise und Salböl liefert; ferner die
schwer aufzubewahrende Frucht der Obstbäume, welche uns zur Freude und
zur Erheiterung geschaffen ist, und was wir zum Nachtisch aufzutragen
pflegen als erwünschte Reiz-mittel des angefüllten Magens für die Übersättigten
- dies alles brachte die Insel, die damals durchweg den Einwirkungen der
Sonne zugänglich war, in vortrefflicher und bewundernswerter Gestalt
und in der reichen Fülle hervor. Indem nun Atlas und seine Nachkommen
dies alles aus der Erde empfingen, gründeten sie Tempel, Königshäuser,
Häfen und Schiffswerften, und richteten auch das ganze übrige Land
ein, wobei sie nach folgender Anordnung verfuhren.“
Kritias:
Zuerst schlugen sie Brücken über die Ringe von Wasser, welche ihre
alte Mutterstadt umgaben, um sich so einen Weg von und zu der Königsburg
zu schaffen. Dieselbe errichteten sie nämlich gleich im Anfange eben
auf jenem Wohnsitze des Gottes und ihrer Vorfahren, und so empfing sie
der eine von dem anderen, indem ein jeder ihre Ausstattung erweiterte
und nach Kräften seinen Vorgänger darin überbot, bis sie denn endlich
diesen ihren Wohnsitz durch die Größe und Schönheit ihrer Werke zu
einem staunenswerten Anblicke gemacht hatten: Nämlich gruben sie einen
Kanal von drei Plethren (92,5m) Breite, hundert Fuß (30,8m) Tiefe und fünfzig
Stadien (9,25km) Länge vom Meer aus bis zu dem äußersten Ringe hin,
und machten so eine Einfahrt von der See in denselben wie in einen Hafen
möglich, indem sie die Einmündung in ihn weit genug zum Einlaufen für
die größten Schiffe brachen.
Sodann durchbrachen sie aber auch die Kreiswälle von Erde, welche die
Wasserringe von einander trennten, unterhalb der Brücken in einer
solchen Breite, dass für einen einzelnen Dreiruderer die Durchfahrt von
dem einen durch den anderen möglich ward, und unterbrückten dann
wieder dann wieder den Durchstich, so dass die Schifffahrt hier eine
unterirdische war, die Ränder der Erdwälle hatten nämlich eine Höhe,
welche hinlänglich über das Meer emporragte. Es war aber der weiteste
von den Ringen, welche einst aus dem Meere gebildet waren, drei Stadien
(555m) breit, und eben so der zunächst auf ihn folgende Wallring, von
den beiden nächsten Ringen aber der aus Wasser bestehende zwei, und
eben so war ihm wiederum der aus Erde aufgehäufte an Breite gleich,
endlich der unmittelbar um die Insel herumlaufende ein Stadium, und die
Insel selbst, auf welcher die Königsburg stand, hatte fünf Stadien
(925m) im Durchmesser.
Diese selbst nun umgaben sie ringsherum, und ebenso die Ringe und die Brücke,
welche ein Plethron (30,83m) breit war, von beiden Seiten mit je einer
steinernen Mauer, und errichteten bei den Brücken nach beiden Seiten
hin Türme und Tore gegen die Durchfahrten vom Meere zu. Die Steine dazu
aber, welche teils weiß, teils schwarz und teils rot waren, brachen sie
unten an der in der Mitte gelegenen Insel rings herum, und ebenso unten
an den Waldrändern nach außen und nach innen zu, und dadurch, dass sie
sie dort herausschlugen, erlangten sie zugleich innerhalb derselben auf
beiden Seiten des Höhlungen zu Schiffsarsenalen, welche den Felsen
selber zur Decke hatten.
Auch Gebäude errichteten sie, und zwar teils auch bunte, indem
sie aus verschiedenfarbigen Steinen zum Genuss zusammensetzten und
denselben dadurch ihren natürlichen Reiz gaben. Die Mauer endlich,
welche um den äußeren Wall herumlief, fassten sie ihrem ganzen Umfange
nach mit Erz ein, indem sie dasselbe gleichsam wie ein Salböl
anwandten, die um den inneren aber umschmolzen sie mit Zinn, endlich die
Burg selbst mit Goldkupfererz, welches einen feuerähnlichen Glanz
hatte.''
Kritias:
,,Die Königliche Wohnung innerhalb der Burg selbst aber war folgendermaßen
eingerichtet.
Inmitten des letzteren befand sich ein der Kleito und dem Poseidon
geweihter Tempel, welcher nur von den Priestern betreten werden durfte
und mit einer goldenen Mauer umgeben war, derselbe, in welchen sie einst
das Geschlecht der zehn Fürsten erzeugt und hervorgebracht hatten.
Dahin schickte man auch jedes Jahr aus allen zehn Landgebieten die
Erstlinge als Opfer für einen jeden von diesen. Ferner stand dort ein
besonderer Tempel des Poseidon, von einem Stadium Länge (185m), drei
Plethren (92,5) an Breite und von einer Höhe, wie sie einen dem
entsprechenden Anblick gewährte, hatte aber ein etwas barbarisches
Ansehen.
Den ganzen Tempel nun überzogen sie von außen mit Silber, mit Ausnahme
der Zinnen, die Zinnen aber mit Gold. Was aber das Innere anbetrifft, so
konnte man die elfenbeinerne Decke ganz mit Gold und Goldkupfererz
verziert sehen, alles andere an Mauern, Säulen und Estrichen überkleideten
sie mit Goldkupfererz. Auch stellten sie goldene Bildsäulen darin auf,
nämlich den Gott selber, wie er, auf einen Wagen stehend, sechs geflügelte
Rosse lenkt, und der seinerseits so groß gebildet war, dass er mit dem
Haupte die Decke berührte, rings um ihn herum aber die hundert Nereiden
auf Delphinen; denn so viel, glaubte man damals, dass ihrer seien. Außerhalb
aber standen rings um denselben die Bildsäulen von allen insgesamt, nämlich
von den zehn Königen selbst und ihren Weibern und allen, welche von
ihnen entsprossen waren, und viele andere große Weihgeschenke von
anderen Königen wie von Privatleuten selbst, teils aus allen von ihnen
beherrschten Gebieten außerhalb der derselben. Auch der Altar entsprach
an Größe so wie an Arbeit dieser Ausstattung, und eben so war auch die
königliche Wohnung eben so sehr der Größe der Herrschaft, wie
andererseits dem auf die Heiligtümer verwandten Schmuck angemessen. Von
beiden Quellen aber, sowohl der von kaltem als der von warmen Wasser,
welche dessen eine reiche Fülle enthielten und beide dasselbe an
Wohlgeschmack und Güte zum Gebrauche in ganz bewundernswerter
Vortrefflichkeit darboten, zogen sie Nutzen, indem sie Gebäude und
Baumpflanzungen, wie sie zu den Wassern sich schickten, rings umher
anlegten und ferner Wasserbehälter teils unter freiem Himmel, teils zu
warmen Bädern für den Winter in bedeckten Räumen in der Umgebung
einrichteten, und zwar deren besondere für die Untertanen, ferner noch
andere für die Weiber und wieder für die Pferde und die übrigen
Zugtiere, und einem jeden von diesen allen die ihm angemessene
Ausstattung gaben. Das abfliesende Wasser aber leiteten sie in den Hain
des Poseidon, welcher Bäume von mannigfacher Art und von ganz vorzüglicher
Höhe und Schönheit in Folge der Güte des Bodens umfasste, teils aber
auch durch Kanäle über die Brücken weg in die äußeren Ringe
hinein.
In der Nähe dieser Wasserleitungen wurden dann auch Heiligtümer vieler
Götter, ferner viele Gärten und Übungsplätze angelegt, und zwar
besondere für die auf den menschlichen Körper beschränkten Übungen
und besondere für die mit dem Wagengespann aus jeder von beiden aus den
Wällen bestehenden Inseln, und überdies besaßen sie auch in der Mitte
der größeren Insel eine ausgesuchte Rennbahn, welche ein Stadium breit
und deren Länge im ganzen Umkreis zum Wettkampfe für die Rosse
eingerichtet war.
Um dieselbe herum lagen auf beiden Seiten die Wohnungen für die
Mehrzahl der Trabanten. Die zuverlässigeren unter ihnen aber hatten
ihre Wohnungen auf dem kleineren und näher an der Burg gelegenen
Wallring, den vor allen anderen an Zuverlässigkeit Ausgezeichneten
endlich waren ihre Wohnungen auf der Burg selber um den Königspalast
herum gegeben.
Die Schiffsarsenale aber waren voll von Dreiruderern und von allem, was
zu der Ausrüstung von Dreiruderern gehört, wovon alles in reichen Maße
in Bereitschaft gehalten wurde. Solches war nun also die Ausrüstung der
königlichen Wohnung.
Wenn man aber die drei außerhalb derselben befindlichen Häfen
hinter sich hatte, so traf man auf eine Mauer, welche vom Meer begann
und im Kreis herumlief, von den größten Ringe und zu-gleich Hafen aber
überall fünfzig Stadien entfernt war und an derselben Stelle bei der Mündung
des Kanals in das Meer wieder abschloss. Dieses Ganze aber war mit
vielen und dichtgedrängten Wohnungen umgeben, und die Ausfahrt so wie
der größte Hafen wimmelten von Schiffen und Kaufleuten, welche aus
allen Gegenden hierher kamen und bei Tage wie bei Nacht Geschrei, Getümmel
und Getöse mannigfacher Art wegen ihrer Menge verursachten.
Kritias:
,,Über die Stadt und jenen einstigen Wohnsitz habe ich nun so ziemlich
das, was mir damals erzählt wurde, mitgeteilt; nun muss ich aber noch
versuchen, über die natürlichen Beschaffenheit des übrigen Landes und
die Art seiner Verwaltung zu berichten. Zunächst nun wurde mir das Land
im Ganzen als sehr hochgelegen und steil aus dem Meere aufsteigend
geschildert, die Gegend um die Stadt her dagegen durchweg als Ebene,
welche dieselbe umschloss, ihrerseits aber wieder rings herum von Bergen
eingeschlossen wurde, die sich bis zum Meere hinabzogen, und zwar als
eine ganz glatte und gleichmäßige Fläche, die in ihrer
Gesamtausdehnung eine längliche Gestalt hatte, indem dieselbe nach der
Seite zu dreitausend Stadien, in der Mitte aber vom Meere aufwärts
zweitausend betrug. Von der ganzen Insel nämlich lag dieser Teil nach
der Südseite zu, indem er sich von Norden nach Süden erstreckte. Die
Berge aber, welche ihn umgaben, wurden damals als solche gepriesen,
welche an Menge, Größe und Schönheit alle jetzt vorhandenen übertrafen,
indem sie viele Flecken mit einer reichen Zahl von Bewohnern, ferner Flüsse,
Seen und Auen, welche allen möglichen zahmen und wilden Tieren
hinreichendes Futter darboten, so wie endlich Waldungen in sich faßten,
welche in bunter Menge und in der größten Mannigfaltigkeit aller
Gattungen einen reichhaltigen Stoff zu den Arbeiten jeder Art, im Großen
und Kleinen, lieferten. Auf diese Weise war die Ebene von der Natur
ausgestattet, und viele Könige hatten an ihrer weiteren Ausstattung
gearbeitet.
Zum größten Teil bildete sie nämlich bereits ein vollständiges
Rechteck; wo es aber noch an der vollen Regelmäßigkeit dieser Gestalt
fehlte, war ihr dieselbe dadurch gegeben worden, dass sie auf allen
Seiten einen Graben herumgezogen hatten. Was mir nun von dessen Tiefe,
Breite und Länge erzählt ward, das könnte unglaublich erscheinen für
ein von Menschenhänden gearbeitetes Werk; es könnte unglaublich
erscheinen, dass sie zu ihren vielen anderen Arbeiten auch noch diese
von so gewaltiger Ausdehnung unternommen hätten; dennoch muss ich darüber
berichten, wie ich es gehört habe. Nämlich ein Plethron (30,83m) tief
ward er gegraben und überall ein Stadion (185m) breit, und als er nun
die ganze Ebenen herumgezogen war, da ergab sich eine Länge von
zehn-tausend Stadien (1850km). Er nahm auch die von den Bergen
herabfliesenden Wasser auf, und da er rings um die Ebene herumgeführt
war und die Stadt auf beiden Seiten berührte, so ließ er dieselben auf
folgende Weise ins Meer abfließen. Von seinem oberen Teile her wurden nämlich
von ihm ungefähr hundert Fuß (30,83m) breite Kanäle in gerader Linie
in die Ebene geleitet, welche wieder in den vom Meer aus gezogenen Kanal
einmündeten und von einander hundert Stadien (18,5km) entfernt waren.
Auf ihnen brachten sie denn auch das Holz von den Bergen in die Stadt,
aber auch alle anderen Landeserzeugnisse holten sie zu Wasser heran,
indem sie wieder Überfahrten aus den Kanälen in einander nach der
Quere zu und eben so nach der Stadt hin gruben. Auch ernteten sie in
Folge dessen zweimal des Jahres ein, indem ihnen im Winter der Regen des
Zeus dazu verhalf im Sommer aber die Bewässerung, welche das Land in
sich trug, dadurch, dass sie sie aus den Kanälen herzuleiteten.
Kritias:
,,Was aber die Zahl anbetrifft, so bestand die Anordnung, dass in der
Ebene an kriegstüchtigen Männern jedes Grundstück einen Anführer zu
stellen hatte; die Größe eines jeden Grundstückes aber betrug wohl
gegen die hundert Stadien (185mx185m=34225m2) und die Zahl von ihnen allen
sechzigtausend (3,4225km2 x 60000 =205, 350km2); auf den Gebirgen
dagegen und im übrigen Lande zählte man eine gar unsägliche
Menschenmasse, alle jedoch waren nach ihren Ortschaften und Flecken je
einem dieser Grundstücke und Führer zugeteilt. Die Führer nun aber
hatten die Verpflichtung zum Kriege ihrer sechs zusammen einen
Kriegswagen zu stellen, so dass deren insgesamt zehntausend wurden,
ferner ein jeder zwei Rosse und Reiter, dazu noch ein Zweigespann ohne
Sessel, welches mit einem Krieger bemannt war, der einen kleinen Schild
trug und auch herabsteigend zu Fuße kämpfte; außer diesem Wagenkämpfer
aber mit einem Lenker für die beiden Rosse, ferner zwei
Schwerbewaffnete und an Bogen- und Schleuderschützen je zwei, und eben
so an Stein- und Speerwerfern ohne Rüstung je drei; endlich vier
Seeleute zu Bemannung von zwölfhundert Schiffen. So war das Kriegswesen
in dem königlichen Staate angeordnet, in den anderen neun Staaten aber
auf verschiedene Weise, deren Erörterung lange Zeit in Anspruch nehmen
würde.
Kritias:
,,Die Verhältnisse in obrigkeitlichen Gewalt und der Staatswürden aber
waren von Anbeginn her folgendermaßen geordnet. Von den zehn Königen
herrschte ein jeder in dem ihm überkommenen Gebiete von seiner Stadt
aus über die Bewohner und stand über den meisten Gesetzen dergestalt,
dass er strafte und hinrichten ließ wen immer es ihm gedünkte.
Die Herrschaft über sie selbst aber ward gegenseitig und
gemeinschaftlich geführt nach den Anordnungen des Poseidon, wie sie ein
Gesetz ihnen überlieferte, welches von ihren Vorfahren auf eine Säule
von Goldkupfererz eingegraben war, die in der Mitte der Insel, nämlich
im Heiligtum des Poseidon, stand. Hierher kamen sie denn auch
abwechselnd bald jedes fünfte und bald jedes sechste Jahr zusammen, um
der geraden und der ungeraden Zahl ein gleiches Recht angedeihen zu
lassen, und berieten sich auf diesen Zusammenkünften teils über die
gemeinsamen Angelegenheiten, teils hielten sie Nachforschung darnach, ob
einer irgend eine Übertretung begangen, und saßen darüber zu
Gericht.
Wenn sie aber zum Gerichte schritten, so gaben sie einander zuvor
folgendes Unterpfand der Treue, sie stellten unter den Stieren, die da
frei in Heiligtum des Poseidon weideten, ganz allein ihrer zehn, nachdem
sie zu dem Gotte gebetet, dass es ihnen gelingen möge, das Opfertier,
welches ihm genehm sei, zu fangen, ein Jagd ohne Eisen bloß mit
Knitteln und Stricken an, und denjenigen von den Stieren, welchen sie
fingen, brachten sie oben auf die Säule hinauf und schlachteten ihn
dort über jener Inschrift. Auf der Säule befand sich aber außer dem
Gesetzen noch eine Schwurformel, welche gewaltige Verwünschungen über
diejenigen aussprach, welche ihm nicht gehorchten.
Wenn sie nun so nach ihren Bräuchen beim Opfer dem Gotte alle Glieder
des Stieres geweiht hatten, so richteten sie einen Mischkessel zu und
warfen in denselben für jeden einen Tropfen geronnenen Blutes, alles übrige
aber warfen sie ins Feuer, nachdem sie die Säule rings herum gereinigt
hatten. Hierauf schöpften sie mit goldenen Trink-schalen aus dem
Mischbecher, und während sie dann aus denselben die Spenden ins Feuer
gossen, schwuren sie dabei, nach den Gesetzen auf der Säule zu richten
und es zu strafen, wenn einer von ihnen zuvor einen Frevel begangen, und
ebenso wiederum in Zukunft keine von jenen Vorschriften absichtlich zu
verletzen und weder zu herrschen, noch einem anderen Herrscher zu
gehorchen, als dem, welcher nach den Gesetzen des Vaters regierte.
Nachdem ein jeder von ihnen dies für sich selbst und für sein
Geschlecht gelobt hatte, trank er und weihte sodann die Becher für das
Heiligtum des Gottes, und sodann wandten sie sich zum Mahle, um auch den
Anforderungen ihres Körpers genüge zu tun. Sobald es aber dunkel ward,
und das Opferfeuer verglomm, dann kleideten sich alle sofort in ein
blaues Gewand von der allerhöchsten Schönheit und so, bei der Glut des
Eidesopfer auf der Erde sitzend, indem sie gänzlich das Feuer im
Heiligtum auslöschten, empfingen und sprachen sie Recht bei der Nacht,
wenn etwa der eine von ihnen den anderen irgend einer Übertretung
anklagte.
Nach vollzogenen Urteil aber schrieben sie die Richtersprüche, sobald
es Tag ward, auf einer goldenen Tafel auf und weihten dieselbe samt
jenen Gewändern zum Dankzeichen. Es gab aber noch viele andere Gesetze,
welche die Rechte der Könige für einen jeden im Besonderen bestimmten,
über allen jedoch stand dies, dass sie niemals gegen einander die
Waffen führen, vielmehr insgesamt Hilfe leisten, wenn etwa einer von
ihnen in irgend einer Stadt das königliche Ge-schlecht auszurotten
versuchte, und nach gemeinsamer Beratung, gleich wie ihre Vorfahren,
ihre Beschlüsse über den Krieg und alle anderen Angelegenheiten fassen
und ausführen, den Vorsitz und Oberbefehl dabei aber dem Geschlechte
des Atlas überlassen sollten. Die Vollmacht, einen seiner Verwandten
hinrichten zu lassen, sollte ferner einem Könige nicht zu Gebote
stehen, es sei denn, dass über die Hälfte von den Zehn es genehmigt hätten.''
Kritias:
,,Diese Macht von solcher Art und Ausdehnung, wie sie damals in jenen
Gegenden bestand, führte der Gott, indem er sie zusammentreten ließ,
nun auch gegen unser Land, wozu, wie es heißt, ungefähr folgende Verhältnisse
Anlass gaben.
Viele Geschlechter hindurch, so lange noch irgend die Natur des Gottes
in ihnen wirksam war, waren sie den Gesetzen gehorsam und zeigten ein
befreundetes Verhalten gegen das ihnen verwandte Göttliche. Denn sie
besaßen wahrhafte und durchgehends große Gesinnungen, indem sie eine
mit Klugheit gepaarte Sanftmut allen etwaigen Wechselfällen des
Schicksals gegenüber, so wie gegen einander an den Tag legten, und da
sie eben deshalb alles andere außer der Tugend für wertlos ansahen, so
achteten sie alle vorhandenen Glücksgüter geringe und betrachteten mit
Gleichtum und mehr wie eine Last die Masse ihres Goldes und ihrer übrigen
Besitztümer und nicht so kamen sie, berauscht von den Schwelgen in
ihrem Reichtum, so dass sie durch ihn die Herrschaft über sich selbst
verloren hätten, zu Falle, sondern erkannten mit nüchternem
Scharfblick, dass dies alles nur durch die gemeinsame Freundschaft im
Verein mit der Tugend sein Gedeihen empfängt, durch den Eifer und das
Streben nach ihm dagegen nicht bloß selber entschwindet, sondern auch
jene mit sich zu Grunde richtet. In Folge dieser Grundsätze und der
fortdauernden Wirksamkeit der göttlichen Natur in ihnen gedieh ihnen
denn alles, was ich euch vorhin mitgeteilt habe.
Als aber ihr Anteil am Wesen des Gottes durch die vielfache und häufige
Beimischung des Sterblichen in ihnen zu schwinden begann, und die
menschliche Art überwog, da erst waren sie dem vorhandenen Reichtum
nicht mehr gewachsen und entarteten und erschienen dem, welcher es zu
erkennen vermochte, niedrig, indem sie alles, was in Ehren zu stehen
verdient, gerade das Schönste zu Grunde richteten; denen aber, die ein
wahrhaft zur Glückseligkeit führendes Leben nicht zu erkennen im
Stande waren, schienen sie damals erst recht in aller Herrlichkeit und
Seligkeit dazustehen, als sie ungerechten Gewinn und ungerecht erworbene
Macht im Überflusse besaßen.
Der Gott der Götter aber, Zeus, welcher nach den Gesetzen herrscht und
solches wohl zu erkennen vermag, beschloss, als er ein treffliches
Ge-schlecht schmählich herunterkommen sah, ihnen Strafe dafür
aufzuerlegen, damit sie, durch dieselbe zur Besinnung gebracht, zu einer
edleren Lebensweise zurückkehrten. Er berief daher alle Götter in ihren
ehrwürdigsten Wohnsitzen zusammen, welcher in der Mitte des Weltalls
liegt und eine Überschau aller Dinge gewährt, welche je des Werdens
teilhaftig wurden, und nachdem er sie zusammengerufen hatte, sprach
er...'' An dieser Stelle bricht der Dialog unerwartet ab. Niemand vermag zu sagen ob Platon die weiteren Gespräche nicht interessant genug fand um sie aufzuzeichnen oder aber ob er sehr wohl weitergeschrieben hat und die restlichen Blätter verloren gingen.
E-Mail:
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